Montag, 1. November 2010

Ready for Reed

Rockstar, Poet, Glam-Ikone, Grantscherben, Warhol-Freund, Antony-Hegarty-Entdecker, Laurie-Anderson-Ehemann – Lou Reed hat viele Facetten. Seit neuestem zählt die Filmemacherei dazu. In seinem 28-minütigen Dokumentarfilm „Red Shirley“ interviewt der Musiker seine 101 Jahre alte Cousine und erzählt, wie sie mit 19 Jahren von Polen nach Kanada und von dort weiter nach New York emigrierte.



Nun ist nicht überall, wo „Lou Reed“ draufsteht auch Meisterwerk drinnen, wie viele, viele, VIELE seiner Platten beweisen. Reed selbst hat bereits angekündigt, dass „Red Shirley“ sein erster und letzter Film gewesen sein wird, was den Schluss nahelegt, dass hier vielleicht ein Schuster seine Leisten kennt und bei ihnen bleiben will.

Trotzdem darf man gespannt sein auf den morgigen Abend, wenn Reed ab 20.30 Uhr im Gartenbaukino seinen Film vorstellt und zur Q+A-Session bereitsteht.

Und weil's mich grade freut, hier eine Liste der fünf besten Platten, an denen Reed mitgewirkt hat:


5. TRANSFORMER (Soloalbum)

Lou Reed - Transformer

Der Bowie wird’s scho richten: Nach seinem erfolglosen Solodebüt wendet sich Reed an Glam-Übervater David Bowie und lässt sich ein Hit-Album von ihm produzieren – für viele immer noch seine einzig wichtige post-Velvet-Underground-Platte. Mit Mascara im Gesicht wird Reed für kurze Zeit selbst zur Glam-Ikone und schreibt den Transsexuellen New Yorks mit „Walk On The Wild Side“ eine Hymne für die Ewigkeit. Außerdem essentiell: Der romantisch-entrückte „Satellite Of Love“ und das längst vor der Wiederentdeckung durch „Trainspotting“ unsterblich gewordene „Perfect Day“.


4. LOADED (The Velvet Underground)

The Velvet Underground - Loaded

Die ersten vier Velvet-Underground-Alben dürfen in keiner Plattensammlung fehlen. "Loaded" ist die letzte Platte, an der Reed beteiligt war. Er verließ die Band noch vor der Veröffentlichung. Mit Klassikern wie Sweet Jane", "Oh! Sweet Nuthin'" und "Who Loves The Sun" ist "Loaded" ein mehr als würdiger Schwanengesang einer der einflussreichsten Rockbands aller Zeiten. Als drei Jahre später das unwürdige "Squeeze"-Album folgte, war Reed schon längst mit seiner Solokarriere beschäftigt.


3. THE VELVET UNDERGROUND (The Velvet Underground)

The Velvet Underground - The Velvet Underground

Nach dem noisigen zweiten Album "White Light/White Heat", das zur Blaupause für Bands wie Sonic Youth und My Bloody Valentine wurde, feuerte Lou Reed John Cale, den zweiten kreativen Kopf der Band, und holte anstattdessen Multiinstrumentalist Doug Yule ins Boot. "The Velvet Underground", das dritte Album der Band, geriet songorientierter als der Vorgänger. Viele Stücke sind von zerbrechlicher Schönheit, wie der Opener "Candy Says", das passiv-aggressive "Pale Blue Eyes" und das gänzlich unironische Stoßgebet "Jesus". Daneben stehen überschwängliche Songs ("What Goes On", "I'm Set Free") und der coole Raussschmeißer "After Hours". Meisterwerk.


2. THE VELVET UNDERGROUND & NICO (The Velvet Underground & Nico)

The Velvet Underground - The Velvet Underground & Nico

Über dieses Album muss man keine großen Worte mehr verlieren. Vom klassischen Line-Up mit John Cale, Sterling Morrison und dem deutschen Modell Nico eingespielt, ist "The Velvet Underground & Nico" einer der großen Klassiker der Rockmusik. Reed singt über Dinge, die Mitte der 60er sonst nirgendwo thematisiert wurden: Drogensucht, Sodomie, Selbstmord. Die Musik ist mal harmonisch poppig ("I'll Be Your Mirror", "Femme Fatale"), dann wieder furios experimentell ("Heroin", "Venus In Furs"). Hätte Reed nur dieses eine Album gemacht, er wäre heute trotzdem eine Legende.


1. NEW YORK (Soloalbum)

Lou Reed - New York

Nicht so bahnbrechend und einflussreich wie das Velvet-Underground-Debüt, aber insgesamt Reeds überzeugendste Arbeit. "New York" ist zornig und pechschwarz. Die Mühe zu singen, macht sich Reed gar nicht mehr. In 14 Liedern erzählt er atemlos Geschichten aus den dreckigen Winkeln der City that never sleeps. Auch Kurt Waldheim kriegt dabei sein Fett weg. Eine der besten Platten der 80er, ach was, aller Zeiten.

A Tribute to Larry Cohen

Ein Tribute der diesjährigen Viennale ist dem umtriebigen Filmemacher Larry Cohen gewidmet. In den späten 50ern sich der New Yorker, damals noch ein Teenager, als Drehbuchschreiber für diverse Fernsehserien einen Namen. "Bones", sein erster Kinofilm als Regisseur erschien im Jahre 1972.

Die erfolgreichste Zeit kam in den 70ern und 80ern: Filme wie „Black Caesar“, „It’s Alive“ und „God Told Me To“ sind denkwürdige Einträge im Graubereich zwischen Grindhouse und Mainstream-Kino. Auch wenn Cohen immer wieder kommerzielle Erfolge feierte – zuletzt in Form des Joel-Schuhmacher-Hits „Phone Booth“, für den er das Drehbuch schrieb –, blieb er stehts dem B-Movie verpflichtet. Seine letzte Regiearbeit fürs Kino („Original Gangstas“) liegt bereits vierzehn Jahre zurück, doch ist der 59-Jährige bis heute jedes Jahr als Drehbuchautor und Produzent an mehreren Filmprojekten beteiligt.

Cohen zu Ehren veranstaltete die Viennale am Mittwoch eine Gala, bei der die wichtigste Arbeit des Filmemachers gezeigt wurde: „The Private Files of J. Edgar Hoover“ ist der Versuch einer reflektierten Auseinandersetzung mit dem Gründer und langjährigen Direktor des FBI. Mit seinen großen Gesten, der überkandidelten Filmmusik und Hauptdarsteller Broderick Crawfords theatralischem Spiel wirkt der Film heute ein bisschen angestaubt (ein Eindruck, der dadurch verstärkt wurde, dass der Ton der Kopie für die Vorstellung im Gartenbau nicht ordentlich restauriert werden konnte: Es knisterte und rauschte, dass man kaum ein Wort verstand.) 1977 jedoch sogte „The Private Files of J. Edgar Hoover“ mit unverhohlener Kritik am FBI und der amerikanischer Regierung für Kontroversen, wie Cohen selbst vor und nach dem Film erklärt.

Donnerstag, 28. Oktober 2010

Lusthausfest


Halbzeit bei der Viennale: Nach acht Spieltagen bittet das Festival geladene Gäste zur Lusthausparty. Am unteren Ende der Hauptallee des Praters gelegen, ist das Lusthaus mit den öffentlichen Verkehrsmitteln recht schwer zu erreichen. Viele Gäste kommen daher mit dem Auto. Das wiederum ruft die Polizei auf den Plan, die in der Aspernallee ein Planquadrat aufstellt, das sich gewaschen hat: Zig Polizisten stehen da schon um 21 Uhr mit strengem Blick, um die Autofahrer von vornherein nicht auf dumme Gedanken kommen zu lassen.

Hier geht's zur Party: Der Eingang zum Lusthaus.

Das Lusthaus leuchtet bunt aus allen Fenstern. Davor steht ein riesiger Jameson-Bus, in dem die Gäste Drinks zu sich nehmen können. Nach einem ausladenden Buffet mit Schweinsbraten, Zander, Beilagen und Nachspeisen beginnt der DJ eine etwas eigenwillige Mischung aus alten Hadern (Kinks, Bowie, Falco), aktuelleren Hits (LCD Soundsystem, Vampire Weekend und dann nochmal LCD Soundsytem) und instrumentalen Elektro-Stücken aufzulegen. Die Leute danken es ihm und begeben sich auf die Tanzfläche. Wem es dort nicht behagt, der weicht an einen Tisch im ersten Stock oder in den Jameson-Bus aus.

Gratis-Bier => ausgelassene Stimmung


Bis 4 Uhr morgens rauscht das Fest. Wer danach noch fahren kann, muss erstmal den Eisschaber hervorkamen und den Frost von der Windschutzscheibe kratzen. Ist halt doch schon Winter. Macht aber nix: Wir verkriechen uns einfach noch eine Woche lang in den warmen Kinos.

The Agony And The Ecstasy Of Phil Spector

Nieselregen und verhangener Himmel am frühen Samstagnachmittag. Kinowetter also. In der Urania wird „The Agony And The Ecstasy Of Phil Spector“ gezeigt, eine Dokumentation über den berühmt-berüchtigten Plattenproduzenten, der in den 50er- und 60er-Jahren mit der Erfindung des sogenannten „Wall Of Sound“ und der Produktion von Hits wie „Be My Baby“ (The Ronettes) und „You’ve Lost That Lovin‘ Feelin‘“ (The Righteous Brothers) Popgeschichte geschrieben hat.

2003 wurde Spector wegen Mordverdachts festgenommen, nachdem die B-Movie-Schauspielerin Lena Clarkson in seinem Schloss (ja, Schloss!) in Alhambra erschossen aufgefunden wurde. Bevor der Produzent letztes Jahr schuldig gesprochen und zu 19 Jahren Haft verurteilt wurde, traf ihn Regisseur Vikram Jayanti, und versuchte in mehreren Gesprächen den Mann hinter der Popikone zu ergründen.



Vikram Jayanti gelingt das Kunststück, einen langweiligen Film über eine der faszinierendsten Figuren der Popgeschichte zu machen: Endlos darf Spector vor der Kamera dahinbrabbeln, er sei größer und genialer als Galileo Galilei und Leonardo Da Vinci, als die Beatles und Brian Wilson sowieso. Als er dann noch erklärt, der legendäre Hairdo, den er einmal im Gericht präsentierte…

DIESER Hairdo!


…, sei als Hommage an Albert Einstein und Bob Dylan zu verstehen gewesen, nimmt das Ganze „Spinal Tap“-Ausmaße an.

Das Verfahren selbst wird hingegen kaum thematisiert. Jayanti begnügt sich damit, Aufnahmen aus dem Gerichtssaal unterlegt mit Spectors größten Hits zwischen die Interviews zu schneiden. Das ist weder besonders aufschlussreich, was die popkulturellen Errungenschaften des Produzenten angeht, noch was seine Rolle im Mordfall betrifft.

Als der Regisseur dem Publikum nach der Vorstellung offenbart, dass er Spector für schuldig hält, ist man überrascht, spricht sein Film doch eine andere Sprache: Die gezeigten Zeugenaussagen entlasten den Angeklagten allesamt. Spector ist der etwas weltfremde, aber liebenswert-schrullige Onkel, während Clarkson als labile Möchtegern-Schauspielerin mit Selbstmordtendenzen wegkommt. Als unparteiische Dokumentation taugt „The Agony And The Ecstasy Of Phil Spector“ somit nicht viel, als Künstler-Biographie bleibt der Film zu oberflächlich.

Interessanter ist die anschließende Q+A-Session, bei der Jayanti von der Arbeit mit Spector erzählt und einige Anekdoten zum Besten gibt:

Warum Jayanti den Film machen wollte...




Über die Struktur des Films, Spectors Selbstwahrnehmung und das Gerichtsverfahren...



Warum Spector John Lennon mit einer Waffe bedrohte, und warum ihn andere Künstler anpissen (manche davon nicht nur im metaphorischen Sinn)...



(For the record: McCartney > Lennon!)

Wie Leonard Cohen darauf reagierte, mit einer Waffe bedroht zu werden, und was Jayanti vor dem Dreh geklärt haben wollte...



Wie der Film ursprünglich beginnen sollte...



Spectors Eitelkeiten...

Montag, 25. Oktober 2010

Das habt ihr in der Tasche...

Die A1 Viennale Tasche ist lässig. Warum? Darum:




A1 bietet Fans der Festivalbags eine Möglichkeit, um das begehrte, aber nicht im Handel erhältliche Accessoire zu ergattern, und verlost mehr als 100 A1 Viennale Taschen:  Wer bis zum 27.10. (das ist schon übermorgen!) eine SMS mit dem Inhalt "VIENNALE" an 0664/660 6000 schickt, kann eines der zehn bisherigen Taschenmodelle gewinnen. 


Und so sehen sie aus, die A1 Viennale Taschen 2001-2010.
Die genauen Teilnahmebedingungen für das Gewinnspiel findet ihr hier. Viel Glück!

Samstag, 23. Oktober 2010

Schlechtes Wetter, Affen-Geister und ein großer dunkler Fremder

Portland, Oregon scheint eine recht trostlose Gegend zu sein: Wenn man nicht gerade in der Eis-Fabrik oder im schnöden Büro arbeitet, spaziert man am verregneten Strand entlang oder schmeißt Weintrauben von Dächern und schaut ihnen beim Zerplatzen auf dem Asphalt zu. So machen das jedenfalls die Protagonisten in Aaron Katz' "Cold Weather". Der Film erzählt die Geschichte von Doug, einem verhinderten Sherlock Holmes, der sein Forensikstudium abbricht und zu seiner Schwester Gail ins besagte Portland zieht. Dort trifft er seine Ex-Freundin Rachel wieder, die bald darauf spurlos verschwindet. Gemeinsam mit Gail und einem Arbeitskollegen macht sich Doug auf die Suche nach ihr.





In "Cold Weather" steht die Cinematographie vor den Charakteren und die Charaktere vor der Handlung. Oft scheint es, als laufen die Protagonisten zufällig durchs Bild, während die Kamera eigentlich auf die nass-kalten Landschaften oder die dicken Regentropfen an den Fensterscheiben dahinter gerichtet ist. Fast schon naturalistisch mutet die Erzähltechnik an, als im zweiten Drittel eine etwas konstruierte, aber unterhaltsame Detektivgeschichte anhebt. Aus der Vermengung von Realismus und Mystery-Puzzle entsteht Komik: Wenn Doug sich bei seinen Ermittlungen mit Gail darum zankt, wer im Auto hinterm Lenkrad sitzen darf, erinnert das ein bisschen an eine weniger geschwätzige Version von Woody Allens "Manhattan Murder Mystery". Doch Katz lässt das Detektivspiel nie die Überhand gewinnen und behält stets die etwas verquere, aber liebevolle Beziehung des Geschwisterpaars im Fokus. Ein orgineller und kurzweiliger Film mit einem etwas antiklimatischen Ende.

Alles andere als kurzweilig ist "Loong Boonmee raleuk chat", den Viennale-Direktor Hans Hurch als einen der "wichtigsten Filme der letzten Monate, vielleicht sogar Jahre" ankündigt. Nach einem Nierenversagen wird Onkel Boonmee von seiner Schwester und seinem Neffen gepflegt. Eines Abends erhalten die drei Besuch von Boonmees vor 19 Jahren verstorbener Frau und seinem verschollenen Sohn, der sich mittlerweile in einen Affen-Geist verwandelt hat. Als Boonmee spürt, dass er dem Tode nahe ist, begibt er sich mit seiner Familie in den Dschungel, um nach den Ursprüngen seiner Existenz zu suchen.





Wer mit dem asiatischen Kino nicht vertraut ist, wird mit Apichatpong Weerasethakuls assoziativer Elegie nicht viel anfangen können. Alles bleibt vage, bedeutungsschwanger. Handlungsstränge reihen sich scheinbar willkürlich aneinander und der Film schlägt stilistische Haken, was Schauspiel, Regieführung und Sound-Design angeht. Das alles ist natürlich gewollt, doch bleibt die Intention dahinter unklar. Der Regisseur selbst beschreibt sein Werk als Hommage an die thailändischen Filme und Serien, mit denen er aufgewachsen ist. Es ist daher kein Wunder, wenn man sich dabei als Europäer außen vor gelassen fühlt. Sei's drum, ich geb's zu: Ich habe den Film nicht verstanden.

Fast schon tröstlich vertraut kommen einem dann um 23:30 Uhr die einleitenden Worte von Woody Allens "You Will Meet A Tall Dark Stranger" vor: "Shakespeare said, life was ‘full of sound and fury, and in the end signifying nothing'". Alles beim Alten also beim Stadtneurotiker mit der dicken Hornbrille: Das Leben ist willkürlich und ohne Sinn - aber nicht ohne Komik.

In "You Will Meet A Tall Dark Stranger" dreht sich wieder einmal alles um verkorkste Liebesbeziehungen: Anthony Hopkins besorgt sich als Mann in der (Post-)Midlife Crisis einen Sportwagen und verlässt seine Frau für eine um vierzig Jahre jüngere Blondine. Josh Brolin und Naomi Watts interessieren sich als Ehepaar längst nicht mehr füreinander, sondern begehren andere: er die aufreizende Nachbarin von gegenüber, sie ihren eleganten Chef.





Thema und Erzählweise sind altbekannt. Allen erfindet sich auch heuer keineswegs neu. Dennoch ist "You Will Meet A Tall Dark Stranger" um ein Vielfaches gelungener als sein letztjähriges Selbstplagiat "Whatever Works". Bis auf Anthony Hopkins, dessen Figur klischeehaft und übertrieben ist, wurden alle Rollen gut besetzt, und Allen inszeniert seinen Film mit leichtfüßiger Routiniertheit. Kein wichtiger Film im Schaffen des produktiven Filmemachers, aber einer der sehenswerteren, die er in den letzten fünfzehn Jahren auf die Leinwand gebracht hat.

Freitag, 22. Oktober 2010

Viennale-Fan der ersten Stunde

Seit seiner Teenagerzeit ist Robert Röschel, pensionierter Beamter der Stadt Wien, ein Filmenthusiast. In einem Gespräch hat mir der heute 70-Jährige von seiner andauernden Liebe zum Kino und seiner Begeisterung für die Viennale erzählt, die er nun schon seit über 40 Jahren regelmäßig besucht.

Robert Röschel (70) hat seit 1968 keine Ausgabe der Viennale verpasst.



Herr Röschel, Sie waren 1968 zum ersten Mal bei der Viennale und haben seither keine Ausgabe des Festivals ausgelassen.

Ja. Am Anfang war es ja noch das "Festival der Heiterkeit" in der Urania – da war ich noch nicht. Zu der Zeit hab ich mir nur einzelne Filme, die beim Festival gezeigt wurden, normal im Kino angesehen, etliche davon im Filmmuseum. Als die Viennale ‘68 unter dem Titel "Filme, die uns nie erreichten" angelaufen ist, hab ich begonnen hinzugehen. Ich hab mir ein Programm zugelegt und einiges entdeckt, was mich sehr interessiert hat. Seitdem geh ich regelmäßig zur Viennale.


Wie ging das damals zeitlich, als sie noch berufstätig waren?

Ich hab mir immer frei genommen. Manchmal eine Woche, manchmal sogar zwei. Für mich war das immer wie Urlaub.


Wann haben Sie Ihre Leidenschaft für Film entwickelt?

Schon lange vor der ersten Viennale. Da war ich 15, 16 Jahre alt. Eigentlich hat für mich alles mit der Nouvelle Vague in Frankreich begonnen. Ich kann mich erinnern, der erste Film, der mich so richtig begeistert hat war „Hiroshima mon amour“. Davor bin ich auch schon ins Kino gegangen, aber hauptsächlich in deutsche Schlagerfilme und Literaturverfilmungen, mit denen ich mir die Leseliste für die Deutschmatura aufgebessert hab. Dokumentarfilme habe ich auch schon sehr früh geliebt, mehr fast noch als Spielfilme.


Was hat Sie an „Hiroshima mon amour“ so fasziniert?

Das war der erste Film der Nouvelle Vague, der zu uns kam, und er war ganz anders als alles, was ich bis dahin gesehen hatte. Da ist mir erst richtig aufgegangen, was man alles mit dem Medium Film machen kann. Der Regisseur Alain Resnais bzw. Marguerite Duras, die das Drehbuch geschrieben hat, haben nicht in der üblichen Form Schauspieler auftreten lassen, die reden und die Handlung weiterbringen. Der Film war wie ein literarischer Text, der mit Bildern dargestellt wurde, die oft gar nicht unmittelbar damit zusammenhingen. Dass das völlig frei behandelt wurde, der Text und die Bilder dazu, und welche Kombinationen man damit machen konnte, das hat mich beeindruckt. Noch interessanter und experimenteller war es dann beim nächsten Film von Resnais, "Letztes Jahr im Marienbad". Nach nur einem Mal Sehen kann man den gar nicht verstehen.


Wie haben Sie damals von Filmen erfahren, die Sie interessieren könnten?

Ich hab mir regelmäßig die Sendung "Pro & Kontra" im Radio angehört. Die lief immer am Samstag um 2 Uhr. Da bin ich mit der ganzen Familie vorm Radio gesessen, und wir haben uns Filme ausgesucht, die uns interessiert haben. Meistens wars dann aber so, dass ich ins Kino gegangen bin, mir die Filme angeschaut hab, und dann, wenn sie mir gefallen haben, und ich mir gedacht hab, das ist auch für die anderen geeignet, hab ichs mir nochmal mit der Familie angeschaut.


War die ganze Familie so filmbegeistert, wie Sie?

Ich hab die andern einfach mitgerissen. Die waren zuerst gar nicht so filmbegeistert. Meine Eltern haben Hans Moser und die deutsch/österreichischen Filme geliebt, die damals hauptsächlich gelaufen sind. Ich hab sie dann irgendwie dazu gebracht, dass sie sich auch andere Sachen anschauen.


Wie informieren Sie sich heute über Filme?

Über Tageszeitungen und Filmzeitschriften, wie Celluloid und Ray. Bei der Viennale besorge ich mir einfach jedes Jahr das Programm. Besonders interessieren mich immer die Filme, die schon in Cannes, Venedig und Berlin gelaufen sind. Wenn die es auch zur Viennale schaffen, bin ich dort. Jetzt schaff ich es leider nicht mehr zu allen, weil es mittlerweile einfach zu viele sind.


Wie hat sich die Viennale seit 1968 verändert?

Früher haben amerikanische und europäische Filme im Programm überwogen. Jetzt hat sich der Horizont sehr geweitert. Es sind viele Länder dazugekommen, dadurch ist der Anteil der europäischen Filme ein bissl geschrumpft. Natürlich sind auch die Regisseure heute andere. Die alten sind gestorben, jetzt gibt es eine neue Generation. Viele meiner Freunde, mit denen ich früher oft zur Viennale gegangen bin, gehen heute nicht mehr hin, weil sie die neue Art, Filme zu machen, nicht mögen, während ich mich umstellen konnte. Es gibt etliche neue Filme, die mir genauso gefallen, wie die der großen frühen Regisseure. 
            

Wo sehen sie denn die Unterschiede zwischen dem Kino damals und heute?

Kino ist immer ein Spiegel der Zeit, und die ist hektischer geworden. (Überlegt.) Das könnten meine Freunde wahrscheinlich besser erklären.


Sind die Filme heute expliziter als damals, was die Darstellung von Sex und Gewalt angeht?

Ja, und das stört meine Freunde. Ein bissl stört's mich ja auch, aber ich hab mich daran gewöhnt. Außerdem war ich anfangs sehr dafür, weil die Heuchelei der Fünfziger ist mir eh schwer auf den Wecker gegangen. (Lacht.) Es war schon gut, dass sich da plötzlich einiges geändert hat, und dass man Dinge angesprochen hat, die man vorher nicht aussprechen konnte oder durfte. Nur dass die sexuelle Revolution dann in eine ordinäre Welle ausgeartet ist, das hab ich dann nicht mehr so begrüßt. Andererseits freut es mich, dass ich vieles durch den Film kennenlerne. Dafür werde ich von meinen Freunden oft ausgelacht. Es gibt fast kein Thema, über das ich nicht irgendeinen Film gesehen hab.


Haben Sie einen Lieblingsfilm?

Ich habe einen Lieblingsregisseur: den Ingmar Bergman. Der hat irgendwie meine Sprache gesprochen. Ich mag gern philosophische Filme, Parabeln. Wie von Bergmann oder Tarkovsky. Von den jetzigen Regisseuren hab ich Zhang Yimou und Lars von Trier sehr gern.


Lars von Trier?

Ja. (Lacht.) Ich bin nicht leicht zu schockieren. Ich vertrag manches. Den "Antichrist" hab ich auch vertragen. Den hab ich mir zwei Mal angeschaut. Beim zweiten Mal bemerkt man vieles, was beim ersten Mal untergeht. Da denkt man zu sehr ans nächste Bild, während man beim zweiten Durchgang auf die Szene selber achten kann. Viele Filme gefallen mir beim zweiten Mal besser als beim ersten Mal. Bei manchen ist es aber auch umgekehrt.


Haben Sie nie mit dem Gedanken gespielt, sich beruflich mit Film auseinander zu setzen, als Kritiker, zum Beispiel?

Nach der Matura wollte mein Deutschprofessor unbedingt, dass ich Germanistik und Philosophie studiere. Meine Eltern waren aber total dagegen und wollten, dass ich ein Jusstudium beginne. Damit konnte man mehr werden. Mit Philosophie und Germanistik konnte man nur Lehrer werden, und das wollt ich auch nicht. Das Überlegen hat sich dann aber eh erledigt, weil mein Vater bald darauf krank geworden und gestorben ist, und ich Geld verdienen musste. Und so bin ich zur Gemeinde Wien gekommen. Der Vorteil dabei war, dass ich in Wien bei meinem Vater bleiben und ihm helfen konnte, so lange er noch gelebt hat. Nebenbei studieren, das war für mich zu viel.


Aber ihre Leidenschaft für Filme haben Sie sich im Privaten erhalten?

Ja, ich hab immer für mich privat über Filme geschrieben. Eines Tages kam ein Freund zu mir und hat gemeint, ich soll das unbedingt einschicken. Also hab ich meine Ergüsse an die Sendung "Pro & Kontra" geschickt. Ich bin dann wirklich zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen worden, und die haben gemeint, ich könnte bei ihnen mitarbeiten. Leider ist es aber wegen meiner Arbeit bei der Gemeinde nicht gegangen, dass ich Pressevorführungen von Filmen und dergleichen besuche. Ich hab mir dann überlegt: Bei der Gemeinde hab ich einen sicheren Posten, den geb ich nicht auf. Und die Sendung gibt's ja jetzt wirklich nicht mehr. Da hätte ich mit 50 noch einen Berufswechsel machen müssen. Da bin ich ganz froh, dass ich mir das nicht angetan hab. Aber ich wurde vermittelt an die damalige Aktion "Der gute Film", und für die habe ich dann als zeitweiliger Mitarbeiter sieben Jahre lang Filmbesprechungsgrundlagen geschrieben. Aber irgendwann hat mir das auch nicht mehr behagt, und ich hab es sein lassen...


Zu viel Arbeit?

Nein, eher zu wenig! Ich war es gewöhnt, über schwierige Filme zu schreiben und habe oft zwölfseitige Besprechungsgrundlagen verfasst – mit ausführlichen Biografien über die Regisseure usw. Aber plötzlich hat es geheißen, meine Texte dürfen nur noch vier Seiten lang sein, und das hat mich dann nimmer gefreut.


Zurück zur Viennale: Worauf freuen sie sich heuer besonders?

Ich bin sehr gespannt auf den Film von Apichatpong Weerasethakul (Loong Boonmee raleuk chat“ – Anm.). Auch auf den Godard-Film (Film socialisme“ – Anm.) bin ich sehr neugierig. Den werd ich beim ersten Mal bestimmt nicht verstehen, aber das bin ich von Godard gewohnt. Ich hoffe, dass der Film auch regulär ins Kino kommt. Dann sehe ich ihn mir noch einmal an.
  

Haben Sie eigentlich einen Videorekorder oder einen DVD-Player zu Hause?

Mittlerweile hab ich beides, aber lange hatte ich weder das eine noch das andere. Da konnte ich mir alle Filme nur im Kino anschauen und hab mir nichts sehnlicher gewünscht als ein eigenes Kino. Dieser Traum hat sich mittlerweile für mich erfüllt. (Lacht.)